In der chinesischen Philosophie ist viel vom Gleichgewicht die Rede, von Yīn 阴 und Yáng 阳, die sich die Waage halten. Derlei Ideen tauchen schon in Texten wie dem Yìjīng 易经 auf, sind aber auch für die Gedanken des Taoismus (道家) wesentlich. Für dieses Prinzip gibt es natürlich auch ein passendes chengyu, und zwar 物极必反 wùjí-bìfăn. Dies besteht aus den folgenden Bestandteilen: wù 物 “Sache”, jí 极 “Spitze, Extrem, Gipfel, Höhepunkt”, bì 必 “notwendig(erweise)”, făn 反 ”in die Gegenrichtung umschlagen”, d.h. es bedeutet soviel wie “wenn eine Sache ihren Höhepunkt erreicht, schlägt ihr Kurs ins Gegenteil um”. Eine chinesischsprachige Freundin meinte zu mir, daß sie dieses chengyu nicht besonders mögen würde, weil es für sie den Beigeschmack haben würde, daß man im Leben ja nicht zu viel Spaß haben solle. Ein wenig erinnert das ja auch an die deutsche Weisheit, daß man aufhören soll, wenn es am schönsten ist.
Dieses chengyu ist nun auch sehr alt, und daher gibt es viele Quellen, und entsprechend viele verschiedene Varianten, so ähnlich wie bei dem chengyu vom umgefallenen Wagen. Bei diesem chengyu ist es jedoch so, daß jedes Zeichen ausgetauscht werden kann. Ich werde die wichtigsten Varianten kurz ansprechen (ich habe mich auf die Varianten beschränkt, die hier besprochen werden, es gibt sicherlich noch einige mehr, die noch seltener verwendet werden), wobei man im Hinterkopf behalten sollte, daß von 物极必反 wùjí-bìfăn die bei weitem wichtigste Version ist.
Erstes Zeichen: wù 物 “Sache”
Eine Variante ist hier, “Sache” durch “Kraft, Macht”, nämlich shì 势, zu ersetzen: 势极则反 shìjí-zéfǎn, “wenn eine Kraft ihren Höhepunkt erreicht, dann wird sie eine Gegenrichtung einschlagen”. (Zu zé 则 s.u.)
Zweites Zeichen: jí 极 “Höhepunkt”
Auch zum zweiten Zeichen gibt es eine Variante, nämlich zhì 至, was so viel wie “das Höchste” bedeutet: 物至而反 wùzhì-érfǎn “wenn die Sache ihr Höchstes erreicht, dann wird sie umschlagen”. (Zu ér 而 s. u.)
Eine weitere Variante ist mit shèng 盛 “aufblühen”, welches ich aber unter 4. behandele.
Drittes Zeichen: bì 必 “notwendigerweise”
Das dritte Zeichen bì 必 “notwendig(erweise)” kann auch durch eine Konjunktion ersetzt werden, wobei zwei zur Auswahl stehen, zé 则 “dann” sowie ér 而 “aber, und”. Ersteres impliziert einen Zusammenhang konditionaler Art “wenn A, dann B”, während letzteres erst mal lediglich eine zeitliche Abfolge beinhaltet “erst A, und dann (aber) B”, die aber dann häufig einen konditionalen oder kausalen Zusammenhang impliziert. Ob ein Kontrast gemeint ist, hängt hierbei auch von der beschriebenen Situation ab. Beispiele mit beiden hatte ich bereits unter 1. und 2. erwähnt, und auch unter 4. gibt es ein weiteres mit zé 则.
Auch in diese Rubrik fällt wùjí-bùfǎn 物极不反, “wenn eine Sachen ihren Höhepunkt erreicht, geht sie nicht mehr zurück”. Dies ist in keinem offiziellen Chengyu-Wörterbuch verzeichnet und ist wohl eher eine Art Wortspiel, wie in einem früheren Beitrag besprochen. Sozusagen für den Fall, wenn das Gleichgewicht aus den Fugen gerät.
物至则反 wùzhì-zéfǎn
Viertes Zeichen: fǎn 反 “gegensteuern”
Zunächst einmal wird statt fǎn 反 “die Gegenrichtung einschlagen” auch das gleichlautende fǎn 返 ”zurückkehren, umkehren”: wùjí-bùfǎn 物极不返. Hier spielt sicherlich eine Rolle, daß beide Zeichen komplett gleich ausgesprochen werden und auch von der Form und Bedeutung her sehr ähnlich sind.
Eine weitere Variante nimmt shuāi 衰 “vergehen, nachlassen, zurückgehen” an vierter Stelle: 物极则衰 wújí-zéshuāi “wenn eine Sache ihren Höhepunkt erreicht, dann geht sie wieder ein”. Wenn man dann noch shèng 盛 “aufblühen” an zweiter Stelle einwechselt, dann haben wir ein neues Gegensatz paar “aufblühen und vergehen”: 物盛则衰 wùshèng-zéshuāi “eine Sache blüht auf, und vergeht wieder”.
Beispiele
Zuguterletzt noch ein paar Anwendungsbeispiele:
然而任何事情都是物极必反,中石油在历经半年筑底之后,这一“亚洲最赚钱上市公司”终将带领大盘重返高地!
Rán’ér rènhé shìqíng dōu shì wùjí-bìfǎn, Zhōngshíyóu zài lìjīng bànnián zhùdǐ zhī hòu, zhè „Yàzhōu zuì
zhuànqián shàngshì gōngsī“ zhōng jiāng dàilǐng dàpán chóngfǎn gāodǐ!
Aber das Pendel schlägt bekanntlich wieder in die andere Richtung aus, nachdem der Tiefpunkt erreicht worden ist, und nachdem PetroChina(s Aktienkurs) sich ein halbes Jahr lang ausgependelt hat (筑底 zhùdǐ ist eine Lehnübersetzung des englischen Ausdrucks “establish a bottom”), wird „Asiens lukrativste Aktiengesellschaft“ schließlich entscheidend dazu beitragen, daß der Aktienindex (大盘 dàpán steht hier für den Shanghai-Aktienindex) wieder in alte Höhen zurückfindet.
现在世局虽然混乱,但是物极必反,总有一天会天下太平的。
xiànzài shìjú suīrán hùnluàn, dànshì wùjí-bìfǎn,zǒngyǒu yītiān huì tiānxià tàipíng de.
Zwar versinkt die Weltpolitik zur Zeit im Chaos, aber dies wird sich umkehren, eines Tages wird Frieden auf der Welt herrschen.
物极必反,错误成了堆,光明就会到来。
wùjí-bìfǎn, cuòwù chéng le duī, guāngmíng jiù huì dàolái.
In dieser Situation konnte Es nur noch besser warden (i.S.v. wir hatten den Tiefpunkt erreicht), nachdem wir eine Menge an Fehler angehäuft hatten, war das Licht am Ende des Tunnels schon zu sehen (wörtlich „das Licht würde gleich kommen“)
(Aus den Schriften von Mao Zedong zur Geschichte der Kommunistischen Partei 《我们党的一些历史经验》)
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